Eine folgenschwere Verirrung im Morty-Anwesen
Manchmal reicht ein einziger unbedachter Schritt, um einer der gefährlichsten Persönlichkeiten der Stadt gegenüberzustehen. Als vierjähriges Kind betrat die Tochter der Haushälterin einen verbotenen Raum und wagte eine Frage, die wohl kein Erwachsener jemals laut ausgesprochen hätte.
Die meisten Kindheitserinnerungen verblassen im Laufe der Jahrzehnte zu bloßen Bruchstücken. Doch jener nebelige Morgen im sogenannten Morty-Anwesen blieb bis ins kleinste Detail lebendig – geprägt vom Geruch nach kaltem Gummi, schwerem Eisen und einer überraschenden Note von frischen Zitronen.
Das strenge Gebot der Mutter missachtet
Die Mutter hatte es ihrer Tochter unzählige Male unmissverständlich eingeschärft: Sie durfte unter keinen Umständen die Küche verlassen.
- Das gewaltige Anwesen barg zu viele verschlossene Türen.
- Hinter vielen Schwellen verbargen sich Dinge, die nicht für Kinderaugen bestimmt waren.
- Der Respekt vor dem Hausherrn verlangte absolute Diskretion und Unsichtbarkeit.
An jenem Tag jedoch war die Mutter im oberen Stockwerk damit beschäftigt, den langen Flur zu polieren. Zur gleichen Zeit stritt die Köchin lautstark mit einem Lieferanten über eine Kiste Eier. Ganz allein und gelangweilt, mit einem Stoffkaninchen ohne Ohr im Arm, wurde die Neugier des Mädchens schließlich übermächtig.
Dem rhythmischen Geräusch in den Keller gefolgt
Irgendwo tief unterhalb des Küchentrakts ertönte ein dumpfes, gleichmäßiges Schlagen. Es klang langsam und stetig, beinahe wie der Herzschlag eines schlafenden Riesen. Unaufhaltsam folgte das Kind diesem Laut hinab über eine unbekannte Treppe bis zu einer Tür, die einen winzigen Spalt breit offen stand.
Dahinter erstreckte sich ein riesiger Trainingsraum von enormen Ausmaßen. Eine Wand bestand vollständig aus Spiegeln, während die andere Front aus Glas den Blick auf den verregneten Garten freigab, an dessen Scheiben das Wasser in krummen Bahnen herablief.
In der Mitte des Raumes zog sich ein Mann lautlos an einer Stahlstange empor, verharrte und senkte seinen Körper kontrolliert wieder ab.
Bei jeder einzelnen Wiederholung zeichneten sich die mächtigen Sehnen und Muskeln an seinem Rücken ab wie dicke Taue unter einem Leinentuch. Über die Haut zogen sich blasse, alte Narben, und auf seiner Schulter zeichnete sich ein Mal ab, das wie eine schwere Verbrennung wirkte.
Angesicht zu Angesicht mit dem gefürchteten Mann
Das kleine Mädchen verstand sofort, wer vor ihr stand, auch wenn ihr damals die gesellschaftlichen Begriffe dafür fehlten. Im gesamten Haus herrschte jedes Mal ehrfürchtige Stille, sobald sein Wagen die Auffahrt hinaufrollte. Der Gärtner zog stets eilig seine Mütze, und selbst wohlhabende Bittsteller in eleganten Anzügen warteten stundenlang schweißgebadet auf eine Audienz.
Jeder vernünftige Mensch wäre augenblicklich geflohen. Stattdessen blieb das Kind mit offenem Mund stehen, bis der Mann schließlich von der Stange absprang, sich umdrehte und sie direkt anblickte.
Er wirkte anders als befürchtet: Zwar war er hochgewachsen und imposant, doch seine Züge verrieten tiefe Müdigkeit, und seine dunklen, ruhigen Augen blickten vollkommen gefasst. Wortlos nahm er ein Handtuch und wischte sich den Nacken ab, ohne auch nur die Stimme zu erheben.
„Wie bekomme ich Muskeln wie deine?“
Mit diesen unverblümten Worten brach das Kind das Schweigen gegenüber dem Mann, vor dem die gesamte Stadt zitterte.
